Crafts Victim?

Ich glaube, zwischenzeitlich kennt jeder den Begriff "Fashion Victim". Letztens las ich ein Buch über die Mode und (alles?) Wissenswerte darüber, wo auch dieser Begriff in einem Kapitel seine Verwendung fand. Nun ist mir dieser Begriff heute wieder in den Sinn gekommen. Allerdings in einer etwas abgewandelten Form und in einem etwas abgewandelten Zusammenhang: Crafts Victim.

Während ein Fashion Victim stets der aktuellen Mode hinterher rennt (aufgrund der Schnelllebigkeit der Mode kann man heutzutage dieser nur folgen, während man sich etwas schneller fortbewegt), würde ich jemanden als Crafts Victim bezeichnen, der/die nicht unbedingt den kunsthandwerklichen Modetrends hinterher rennt, sondern einfach nicht in der Lage ist, sich im Bereich des Kunsthandwerks und der Handarbeiten festzulegen.

Deswegen kann ich jetzt getrost sagen: Ich bin ein Crafts Victim.

Auch wenn mein letzter Blog Eintrag schon gut ein Monat her ist, war ich die letzten Wochen nicht tatenlos (sofern man eine Mutter mit zwei kleinen Kindern überhaupt tatenlos bezeichnen kann). Dabei meine ich einige Handarbeiten und die damit zusammen hängenden Interessen. Nachdem ich mir vorgestern tatsächlich bei der internationalen Presse eine britische Zeitschrift zum Thema Kreuzstich kaufte, frage ich mich gerade ernsthaft, wo mich denn meine ganzen Interessen hin führen werden. Ich bewundere die Leute, die eine Sache machen und diese aufgrund dessen, weil sie nichts anderes machen, ihr Interesse perfektionieren können. Bei mir funktioniert das nicht und deswegen habe ich haufenweise UFOs (UnFertige Objekte).

OK, die Hauptschuld an den vielen UFOs tragen meine beiden Kinder, die noch in einem Alter sind, wo sie einfach endlos viel Zeit beanspruchen (ich hoffe, das ändert sich mit der Zeit...). Es ist einfach eine Tatsache, dass mir die Zeit fehlt, mich mehrere Stunden am Stück in Ruhe mit meinen Hobbies zu beschäftigen. Ich bin schon froh, wenn ich mal nur eine halbe Stunde ungestört etwas machen kann. Aber da geht's schon los. Ich rede nicht von einem Hobby, sondern gleich von Hobbies - und das sind nicht wenige, wenn ich neben den verschiedenen Handarbeiten auch noch diverse andere Interessen mit einbeziehe.

Aber bleiben wir mal bei den Handarbeiten bzw. allgemein dem Kunsthandwerk. Denn das ist schon umfangreich genug.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, habe ich bereits als Kind einige Handarbeiten gelernt. Dazu gehörte erst mal das Stricken, Sticken und Häkeln, später kam noch das Nähen dazu. Eigentlich nur die Grundlagen, aber diese genügten. Als Kind häkelte ich Kleider für meine Barbies, als Teenie machte ich ein Gobelin (mein einziges Werk dieser Kunst), strickte den einen oder anderen Pulli und in der Schule versuchte ich mich an meinem ersten genähten Kleidungsstück. Das Interesse am Nähen wuchs, so dass ich mir nach der Lehre einen ordentlichen Nähkurs und eine Nähmaschine gönnte. Das war es dann, wo ich bleiben wollte.

Mit dem Nähen klappte es aber nicht mehr so ordentlich, da mir einfach der Platz dazu fehlte, um es ordentlich zu machen und die Nähmaschine machte auch so ihre Zicken (habe schon erwähnt, dass ich etwas zu perfektionistisch veranlagt bin?). Wenn etwas nicht so klappt, wie es soll, neige ich dazu, es vor mir her zu schieben. Und so geschah es auch mit der Näherei. Ein paar Jahre später kam ich aber zur Näherei zurück, kaufte mir eine neue und bessere Nähmaschine, dann noch das passende Stickmodul dazu, die Sticksoftware... und es dauerte nicht mehr lange, bis mich meine Kindheit wieder zurück im Griff hatte. Was man als Kind lernt, verlernt man nicht so schnell.

Schliesslich kam ein Kind dazu und das Bedürfnis wuchs immens, etwas mit den Händen zu schaffen, was auch tatsächlich fertig wird und danach auch fertig in den Händen ist. Wer Kinder hat, weiß, wie das so im Haus(halt) läuft: Frau hat das Gefühl, dass man ständig etwas tut und nichts fertig wird. Kaum hat man etwas erledigt, fängt man wieder von vorne an. Mit den Handarbeiten ist das was anderes. Wenn die Socken fertig sind, dann sind sie fertig und können getragen werden. Wenn ein Wandbehang fertig ist, dann hängt dieser an der Wand und kann angeschaut werden. Ein gesticktes Lesezeichen erinnert einen beim Lesen, dass dieses kleine Ding selbst gefertigt wurde und eben FERTIG ist. Was für ein gutes Gefühl!

Aber, warum habe ich so ein Problem, mich festzulegen? Momentan habe ich das Gefühl, dass es nicht viele Dinge gibt, wo ich nicht sage "Das kann ich machen, das probiere ich aus, das mache ich mir selber!". Es liegt Filzwolle bereit, um mir und den Kindern Puschen zu häkeln. Vor ein paar Tagen habe ich mit einem Schal angefangen - ein Weihnachtsgeschenk für die Große. Wenige Tage davor habe ich ein Kreuzstichbild ausgegraben, das ich vor drei Jahren anfing. Das will ich unbedingt weiter machen. Ebenso warten ein paar Stöffchen, endlich von mir in Kleidungsstücke vernäht zu werden, die ich mir auch schon seit längerem machen möchte (zudem ist der nächste Stoffmarkt bereits in fünf Wochen). Dann faszinieren mich die ganzen Sockenwollen in den wundervollen Farben, dass ich mir vor vier Jahren tatsächlich selber das Sockenstricken beibrachte - und das nur, weil mir die Wolle so gefällt?!?!?!?!?

Es besteht aber noch Hoffnung. Ich glaube nicht, dass ich jemals mit dem Klöppeln anfangen werde. Ist nicht mein Ding und irgendwie bekomme ich es nicht auf die Reihe (habe ich vor drei Jahren in einem Klöppelmuseum mal ausprobiert). Dann gibt's da sicherlich noch ein paar andere Dinge, die ich sicherlich nicht machen werde. Aber, da gibt es noch das Häkeln von Perlenketten und das Fädeln von Schmuck. Auch diesem bin ich verfallen. Und wenn ich jetzt noch ein wenig mehr darüber nachdenken sollte, würden mir bestimmt noch ein paar mehr Dinge einfallen, was ich so mache und machen könnte.

Vielleicht sollte ich mich damit abfinden. Ich bin ein Crafts Victim. Es ist toll, Sachen selber zu machen.

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